Rudi Tillig zum Laubacher Kreuz

Irgendeinen Maßstab dafür müssen wir ja ansetzen“, sagt Andreas Mehring von Hessen Mobil und schiebt diesen gleich nach. Bei der letzten Einschätzung der Unfallkommission habe es zum damaligen Zeitpunkt zu wenig schwere oder gar tödliche Unfälle am Laubacher Kreuz gegeben. Also, schon welche, aber eben nicht ausreichend viele tödliche Unfälle – der Tod eines Menschen – wie hoch ist dessen „Wert“ eigentlich einzuschätzen? Gegen die Kosten des Baus einer Verkehrslösung, welche die „Auffälligkeiten“ bei den Unfällen mit Sicherheit verhindern würde. Nach Angaben von Hessen Mobil seien dies das Ignorieren von Verkehrszeichen, überhöhte Geschwindigkeit und dem Nichtabbremsen an der Kreuzung, die an sich gut einsehbar sei. Nachdem reichlich getüftelt war an den Verkehrsschildern, müssten sich die Verantwortlichen eingestehen: Das hat einige schwere Unfälle nicht verhindern können. Was bleibt, ist eine Kreisellösung. Wer unbedingt mit hundert km/h geradeaus drüberbrettern will, kanns dann ja mal versuchen… auf eigene Gefahr.

Es „reiche das Hauptargument der Bürger vor Ort, die die vielen Unfälle ja subjektiv sehen, nicht aus.“ So ließ sich Mehring ebenfalls zitieren in Bezug auf die Einschätzung, ob der Bau eines Kreisels anstelle der Kreuzung „Laubacher Kreuz“ gerechtfertigt sei.

Ja, das ist es – genau: Die Bürger betrachten das subjektiv. Und nicht nur das, sie leiden subjektiv daran, wenn es dort immer wieder kracht, obwohl objektiv doch nichts passieren dürfte, da technisch dort doch alles geregelt sei.

Bei all den Unfällen sind in den Jahrzehnten Hunderttausende Mark und Euro als Materialschäden zusammengekommen, was die Menschen subjektiv bei Blechschäden mindestens am eigenen Geldbeutel spüren. Es hat unzählige Verletzte und Schwerstverletzte gegeben, die subjektiv die Schmerzen zu spüren bekamen, subjektiv mit den weiteren Folgen zu kämpfen hatten oder zeitlebens weiter müssen. Und auch deren Freunde und Familien setzte ihr Leid subjektiv zu. Die elf Toten haben – wer mag das schon so sagen – subjektiv „zum Glück“ ja nicht so lange leiden müssen …

Ja, objektiv gibt es Kriterien, die grundsätzlich zu beachten sind. Da spielen natürlich die Anzahl der Toten und Verletzten und der Unfälle an sich in einem bestimmten Zeitraum objektiv die wesentlichere Rolle als subjektives Empfinden.

Auch Beinahe-Unfälle kommen nicht in die Statistik – selbst, wenn die Ordnungshüter sich des Öfteren in verlängerter Linie der Landstraße gut versteckt hinter Holzstapeln oder hohem Gras auf die Lauer legen, um Temposünder auszumachen (siehe Usinger Anzeiger, Samstag, 20. Juni 2020, Artikel: „Landkreis ist sicher“). Es wird nicht protokolliert und ergo nicht ins Kalkül gezogen.

Notfalls ist ein Todesfall – also die Schuld daran – eben dem Fehlverhalten eines Verkehrsteilnehmers zuzuschreiben und nicht dem rechtlich nicht zu beanstandenden Umstand, dass der Gefahrenpunkt selbst nicht entschärft ist.

Natürlich haben Vorschriften auch eine wirtschaftliche Dimension. Was nämlich kosten Bau und Erhalt eines z.B. Kreisels extra? Wem wären die anzulasten? Diese Kosten für den Bau eines Kreisverkehrs an dieser Stelle würden vielleicht in einem unteren sechsstelligen Bereich liegen. Es hilft auch nichts zu verweisen auf Schwierigkeiten, die längst ausgeräumt sind, wie z.B. der Ankauf der ziemlich kleine Fläche, die benötigt würde. Oder dass auch beim Hochtaunuskreis Verantwortlichkeiten lägen. Ja, dann setzt man sich mal konkret zusammen und klärt den Fall. Oder will man gar keine Lösung, die zukünftig Menschenleben rettet?

Also nähmen wir mal an, dieser Bau wäre vor dem Zeitpunkt des ersten schweren Unfalls erfolgt – einfach nur mal angenommen! Die Kosten wären längst abgeschrieben. Und es blieben lediglich die jährlichen Aufwendungen für Pflege und Winterdienst. Das Argument hat öffentlich noch keiner zu äußern gewagt. Wer zahlt auf die nächsten Jahrzehnte das viele Streusalz? Wer mäht den etwas größeren Straßenrand? Wer pflegt das Innere? In Usingen fand man die Firma Jarltech – vielleicht übernimmt ja am Laubacher Kreuz der Autozulieferer Grünewald die Patenschaft?

Letztlich, wieviel Wert stellen die elf Leben dar, die dort ihr Ende fanden? Wie hoch sind die Heilkosten, Krankenhausaufenthalte, Reha, Arbeitsausfälle, ggf. Pflege anzusetzen, die durch die vielen Verletzten „verursacht“ wurden? Nur mal gefragt, um vom subjektiven Empfinden auf objektive Zahlen zu kommen – wenn man schon anders nicht ins Gespräch kommt. Ach, und da sind dann die außerhalb jeglicher Betrachtung noch die psychischen Belastungen aller Einsatzkräfte der Feuerwehren und der Rettungswagen – jedes Mal wieder – immer im Kopf, man müsse dort vielleicht einen Nachbarn, einen Freund, ein Familienmitglied retten.

Könnte es sein, dass bei objektiver Betrachtungsweise der nächste Schwerverletzte bereits schwerer wiegt als die Baukosten? Es stellt sich die Frage, wie weit die Fürsorgepflicht des Staates hier geht. Ob ein sich Verstecken hinter toten, objektiven Kriterien das richtige Behördenverhalten sein darf.

Es sind zwei Landesstraßen, die sich da kreuzen. Also ist die – schon seit einigen Jahren schwarz-grüne Landesregierung – in der Verantwortung, im Besonderen ein grüner Minister (Tarek al-Wazir). Anstatt bruchstückhaft jährlich einige Kilometer „Fahrradhighway“ zwischen Darmstadt un Frankfurt feierlich einzuweihen, hätte man auch hier vorangehen können und das mit Fahrradwegen nicht übermäßig bedachte Usinger Land dort damit auszustatten, wo Erneuerungen der Straßen anstehen.

Nur mal so als Beispiel. Dann hätte man auch am Laubacher Kreuz etwas komplexer neuplanen müssen. Aber mit Fahrradwegen auf dem „platten Land“ hat man es in Wiesbaden offenbar nicht so – in Usingen geht es deshalb ja gerade richtig rund. So – erneuert man eben nur die Fahrbahndecke …

Rudolf Tillig, Hundstadt